Der Rant von Lotterleben hat mich dazu gebracht, dies endlich niederzuschreiben.
Ich habe mir öfters Gedanken gemacht durch Diskussionen, die unsachlich wurden, bei denen sich die Fronten immer mehr verhärteten und bei denen nichts neues an Argumenten und Inhalt mehr hinzukam.
Dies sieht man oft bei Diskussionen über Herzensangelegenheiten, wie Feminismus, Vegetarismus oder ähnlichem. In solchen Rants liest man vor allem Kritik, aber leider wenig Verbesserungsvorschläge und Erklärungen, was aber auch nicht der Sinn eines Rants ist. Der Appell zum Unterlassen bestimmter Dinge kann zwar helfen, aber verpufft in der Wirkung zu leicht, da oft kein größeres Verständnis vermittelt wird.
Hier mein Leitfaden, wie man die Diskussionen besser und sachlicher machen kann.
NEIN!! Sie werden den Sarkasmus nicht verstehen!
Hier mal ein kleines Schaubild zur Kommunikation
Die Ebenen, die mit einer Nachricht mitschwingen sind auf keinen Fall eindeutig, und so kann man die Wirkung des Geschriebenen eher eingrenzen als genau bestimmen. Vor allem, da es teils an mehrere Leute geht, die einen, teils, nicht einmal kennen und das gesagte so schwer einordnen können in den Kontext der persönlichen Meinung. Im Zwiegespräch, ob Mail oder direkt, ist ein gewisses Einfühlungsvermögen notwendig um zu verstehen, wie die Nachricht beim Gegenüber ankommt und was ihn oder sie in der Rezeption und Reaktion beeinflusst. Es ist immer besser ein Stück vorsichtiger zu sein, als sein Gegenüber von vornherein zu verprellen.
Ein Allgemeinplätzchen der Kommunikationstheorie:
„Man kann nicht nicht kommunizieren“
In der Face-to-Face-Kommunikation ist das gesprochene Wort nur ein Medium unter vielen. Es gibt Tonlage, Lautstärke, Mimik, Gestik und Tonfall um die wichtige Bestandteile zu nennen. In Emails, Twitter und Foren gibt es fast nur die Schrift, das ist für die Verständlichkeit nicht gerade förderlich. Was wir schreiben klingt in unseren Kopf mit einer hohen Wahrscheinlichkeit anders als in dem des lesenden.
Wenn wir wollen, dass wir verstanden werden müssen wir uns also so klar wie möglich ausdrücken, vor allem, wenn die Leser uns nicht kennen.
Smiles, Sternchen, Klammern (*/ironie off*
) können auch zum Verständnis beitragen und sind in jedem Fall schneller als Erklärungs- und Rechtfertigungsposts. Das mag zwar nach schlechten Stil aussehen, aber ich halte es für angenehmer einen Text zu verstehen, als über mehrere Interpretationsmöglichkeiten nachzudenken. Außerdem denke ich kann sich das einbürgern.
Schade ist es, wenn Schärfe und Spitzen aus Texten verschwinden, aber derzeit dürfte dies kein konkretes Problem in der internen Parteikommunikation sein.
Man fragt möglicherweise nicht nach, ob es Ironie war weil man dumm ist, sondern weil man wirklich keine Möglichkeit hat es zu verstehen.
Du bist nicht besser, nur anderer Meinung.
Dass die eigene Meinung die einzig richtige ist,ist eine weit verbreitete Annahme und leider zu oft die Zementierung des Weltbildes. Man bemerkt dies schnell bei anderen, ist aber selbst nicht davor gefeit.
Man ist nicht tolerant, weil man ein fortschrittliches Weltbild hat.
Jeder Mensch hat seinen eigenen Lebenslauf und seine eigene Sozialisation. Unsere Meinungen basieren auf unseren Erfahrungen und Einflüssen und sind somit eine Momentaufnahme der Wirklichkeit aus der Perspektive des Einzelnen. Das macht es schwerer sich auf andere einzulassen und wahrzunehmen, dass die Wirklichkeit aus einer anderen Perspektive andere Schlüsse zulässt. Diese Meinungen können das Gegenteil der eigenen sein, aber dennoch richtig.
In unseren Umfeld bekommen wir Ideale mit, was wir für moralisch und amoralisch halten. Der Fehler darin ist, wenn wir uns dadurch besser fühlen als andere, die nicht so handeln. Ein Effekt, dass wir nach subjektiv moralischen Taten amoralischer Handeln wurde von Sozialwissenschaften festgestellt. Wenn wir also für eine Sache eintreten und damit anderen sagen, sie seien schlechtere Menschen, machen wir uns an anderer Stelle auch angreifbar. Abgesehen davon erzeugt das eine Abwehrhaltung bei jenen, die überzeugt werden sollten.
Ich selbst bin Vegetarier, weniger aus moralischen Gründen. Wobei ich leicht sagen könnte, dass Menschen die Lebewesen töten, obwohl sie nicht müssten um satt zu werden amoralisch sind. Aber ich war mir bewusst, dass ich in den Vegetarismus relativ bequem reingerutscht bin und daher sicherlich nicht über anderen Menschen stehe, die im gleichen Moment, an wichtigeren Stellen moralischer handeln als ich. Ich sage zwar, dass die Welt eine intaktere wäre wenn niemand Fleisch essen würde, aber das wäre sie auch wenn niemand so häufig fliegen würde wie ich oder so viel Elektronik im Haus hätte. Wenn ich nach meiner Ernährung gefragt werde habe ich oft den Reflex zu betonen, dass andere sich anders verhalten können um nicht mit Sektierern in einen Topf geworfen zu werden, welche ich mitverantwortlich für die Abwehrhaltung gegenüber Vegetariern halte, sowie jene Witze und Sprüche die man häufig hört und welche sich vor allem durch ihren Bart auszeichnen.
Ich möchte hierbei keine Ignoranz verteidigen, sie ist eine Copingstrategie um das eigene Weltbild nicht in Frage stellen zu müssen, allerdings gibt es auch Menschen die sich eines Problems oder seiner Gänze noch nicht bewusst waren.
Damit komme ich zu meinen fürs erste letzten Punkt:
Willst du überzeugen oder vernichten?
Spätestens wenn man bei einem Thema Wut bekommt und Sachen zerschmeißen will sollte man sich diese Frage stellen. Desto härter man jemanden angeht, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass er mauert. Ich hatte schon einige Diskussionen, welche ich argumentativ (zumindest gefühlt) gewann, aber auf anderer Ebene verloren habe.
Dass das Gegenüber an einer Stelle sagt „Ja, du hast recht und ich war im Unrecht.“ ist meist ein frommer Wunsch. Desto verzweifelter die Position wird, desto länger die Diskussion wird, desto mehr verbreitern sich Mauern und Kaliber der Kontrahenten. Man wird persönlich, auch wenn man es nicht will und hält das Gegenüber für allgemein schlecht, auch wenn es nur eine Meinungsverschiedenheit ist. Aber auch wenn uns das Internet dies allzuleicht vergessen lässt, steht auf der anderen Seite ein Mensch, welcher auch Gefühle und Würde hat. Und sollte eine Seite tatsächlich zur anderen Meinung wechseln, ist es wichtig, dass man nicht die Brücken abgebrannt hat, die es der Person ermöglichen die Perspektive zu wechseln ohne das Gesicht zu verlieren. Wenn es vorher persönlich wurde sinkt diese Wahrscheinlichkeit gegen 0. In meinen Text habe ich bewusst darauf Verzichtet den Leser persönlich anzusprechen, um weniger Aggression und Gegenwehr auszulösen. Dies kann man auch in Diskussionen machen um das Gegenüber zu respektieren und ihm Raum zu geben.
Sollte man sich die Frage mit „vernichten“ beantworten stellt sich die Frage warum man die Diskussion überhaupt führt und ob sie es wirklich Wert ist.
Ich hoffe, dass ich mit diesen Text dazu beitragen kann Verständnis und Toleranz in Diskussionen zu wecken und den ein oder andere sich nochmal überlegt, ob es zum Beispiel das richtige Mittel ist sich an einem Shitstorm zu beteiligen.
Seid nett zueinander
Giga
